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Die Schönheit eines Makels

Ja, wir geben es zu.
Sonst predigen wir immer, dass der tadellose Zustand einer Uhr neben Marke und Modell das wichtigste Attribut für einen Uhrensammler ist. Das stimmt auch, aber die individuelle Patinierung oder die Veränderung durch den Alterungsprozess kann eine Uhr noch faszinierender machen.

Emergente Musterbildung: "Spider-Dial" entstanden aus dem Nichts.







Nobody is perfect

Unter Makel versteht man in der Uhrenwelt das Phänomen, dass sich die Optik einer Uhr - und zwar nur diese - mäßig bis stark, jedoch wahrnehmbar verändert. Wichtig dabei ist, dass Werk- und Gehäusezustand dabei einwandfrei sein müssen, denn diese wesentlichen Teile bestimmen den Wert einer Uhr. Wo sich Makel dagegen einschleichen dürfen, sind Zifferblätter, Zeiger und Lünetten.

Trump hätte seine Freude: "Pussy Galore" mit reinrassigem "Tropic-Dial", in zart-brauner Verfärbung eines ursprünglich tief schwarzen Zifferblattes.




 

Same same but different - die vielen Gesichter eines Makels

Die wohl häufigste Form eines Makels ist ein milder Alterungsprozess, die Patinierung oder Vergilbung der Leuchtmasse. Durch diese Verfärbung entstehen Unregelmäßigkeiten und interessante Muster und Effekte. Von einem "Tropic"-Effekt spricht man zum Beispiel, wenn die Zifferblätter eine leichte Bräunung haben. Ein sehr begehrter Makel, da dieser Effekt nur sehr selten vorkommt. Was früher noch als No-Go galt, wird heute bei der Wiederauflage von alten Klassikern neu aufgenommen und plötzlich findet man immer mehr braune Zifferblätter bei jungen Uhrenmodellen. Wie genau der Originaleffekt auftritt, ist umstritten, denn es gibt verschiedene Ursachen, die den "Tropic"-Effekt verursachen können.

Innocent but gilt: Beim "Gilt-Dial" lässt der vergilbte Schutzlack die ursprünglich silberne Schrift golden erscheinen.





"Gilt Dials" - Superplus von bis zu 100 Prozent

Bei frühen Zifferblättern von Rolex Sportmodellen, sprich bei galvanisch hergestellten, schwarzen Oberflächen der 1950er- und frühen 1960er-Jahre, sehen wir die bräunliche Verfärbung als eine des oberflächlichen Schutzlackes. Diese gelten als "Gilt-Dials" und sind bei Sammlern hoch begehrt. Der Mehrwert ist abhängig von der Optik und liegt manchmal bei bis zu 100 Prozent des Normalwerts. Die Bräunung bei matten Zifferblättern ist nicht so einfach zu erklären und tritt nur bei bestimmten Bauserien auf. So ist fast jede Rolex Sea-Dweller mit der Referenz 1665 der zweiten Serie davon betroffen, seltener auch frühe Rotschrift-Submariner. Auch finden wir eine Omega Speedmaster aus den 1960er-Jahren darunter. Bei Verfärbungen muss man klar zwischen natürlichen und künstlich hergestellten unterscheiden. Zweitere sind natürlich entschieden abzulehnen - oft ist die Unterscheidung aber schwer festzustellen.

Das ist kein Sonnenbrand: Das ist ein "Sunburst-" oder "Tropic-Dial". Ganz einfach: "Sunburst" muss nicht immer "Tropic" sein und "Tropic" nicht "Sunburst". Hier vorliegend ein "Sunburst-Tropic-Dial". Verwirrt?



Sonnengeküsster Makel 

Der seltenste Effekt ist der des "Sunburst". Wie der Name schon andeutet, handelt es sich hier um eine Veränderung des Zifferblattes durch Sonnenlicht. Dieses verursacht feine Risse in der Oberfläche und erzeugt dadurch einen besonderen Charme auf dem Zifferblatt. Jene sogenannten "Spider-Dials" können hochinteressante und begehrte, individuelle Zifferblatterscheinungen darstellen.

Maschenartiges Netz: Krakelee-Muster der Weichemail-Oberfläche führt zum begehrten "Spider-Dial". Um vollkommen zu sein, muss es unvollkommen sein.



 

Sie merken, jede Veränderung durch den Alterungsprozess kann Ihre Uhr zu einem ästhetisch neuen Wesen verhelfen. Der individuelle Zugang entscheidet, wie so oft, ihre Wirkung.

Schönes Ergrauen: Hellgraues "Ghost"-Inlay mit Gänsehaut-Effekt. Viel gesucht, selten gefunden. 







Text entnommen und angepasst aus "Das Prinzip* Uhr" für den Blog der Chronothek.

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